04.12.2018

Was brauchen kleine Weltentdecker in Zeiten von WWW?

Fachtagung Weltentdecker

Wolfgang Kaiser (l.) und Johanna Ehm (r.) vom Gesundheitsamt des Landkreises Neuburg-Schrobenhausen sowie Marion Seibold vom Kreisjugendamt freuen sich, den Umweltpädagogen Rudolf Hettich als Referenten der Fachtagung „Weltentdecker“ begrüßen zu dürfen.

Dem Thema „Weltentdecker“ widmete sich am Dienstag, 27. November 2018 eine Tagung für Fachleute im Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen. Zu der Veranstaltung des Gesundheitsamtes, des Kreisjugendamtes sowie des Schulamtes des Landkreises waren rund 100 Beratungslehrer, Leitungskräfte, Erzieher, Pädagogen und Jugendsozialarbeiter gekommen.

Die Veranstalter freuten sich über das große Interesse an der, in diesem Format zum dritten Mal aufgelegten Tagung. Mit dem ersten Grußwort eröffnete die Gesundheitsamtsärztin Sonja Sandfort die Tagung. Dabei zeigte sie anhand von aktuellen Studien die Auswirkungen der zu frühen und zu häufigen Mediennutzung auf die Gesundheit von Kindern auf. Ihr Fazit war eindeutig: „Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz“. Ihre Aussage, dass selbst Gründer der Internetriesen medienfreie Schulen für die eigenen Kinder bevorzugten, weil sie zwar um ihre Genialität – aber auch um die Gefahren der zu frühen Nutzung wussten. Nachdem auch die Schulrätin Ilse Stork und Bernd Fürleger, stellvertretender Leiter des Kreisjugendamts in ihren Grußworte eigene Kindheitserinnerungen als Weltentdecker preisgaben, übernahm der Hauptredner, Rudolf Hettich das Wort.

„Weltentdecker – trotz World Wide Web“ - so lautete der Vortragstitel des renommierten Umweltpädagogen, der als Buchautor, Spielraumplaner und begeisterter Naturfotograf auf fast 40 Jahre Umwelterziehung zurückblickt. Er betont: „Da draußen ist alles, was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen. Und es kostet uns nichts.“ Deutlich spürbar wurde die Leidenschaft, mit der der Referent europaweit Hunderte von Kindergärten und Schulen beraten und reformiert hat. Viele Geburten habe er in seiner Zeit im Zivildienst als Rettungsdienstfahrer erlebt. Dabei kamen die Kinder klein und nackt und mit einem kleinen unsichtbaren Rucksack auf die Welt. Darin sei alles, was Kinder zum Großwerden brauchen: Neugier, Sinnlichkeit, Mitgefühl, Lust auf Lernen, Sprache, Verbundenheit, das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Bewegung. Allerdings, so schmunzelte er, finde man kein Smartphone darin. Dabei möchte er die neuen Medien keinesfalls verteufeln. In der frühen Kindheit hätten diese aber weder bei den Kindern – noch in dieser Dimension bei den Eltern – etwas verloren. Wenn Eltern nämlich mehr Aufmerksamkeit jeder piepsenden neu eingehenden Nachricht widmen, dann leide der Aufbau einer für die ersten Jahre alles entscheidenden Bindung zum Kind.

Als Hettich in diesem Zusammenhang sogar von einer neuen Dimension von Hospitalismus sprach (Entwicklungsstörung durch fehlende emotionale Beziehung), ging durch die Zuhörerschaft ein Ruck. Eltern und Pädagogen wirken in ihrer Vorbildfunktion und in dieser können sie dem Kind Raum, Zeit und Aufmerksamkeit geben, um das volle Potenzial entfalten zu können.

Angereichert durch viele neue Erkenntnisse, untermauert mit aktuellen Studien gingen die Tagungsteilnehmer in den praktischen Teil über. Regionale Akteure stellten ihre Konzepte zur Diskussion, anhand derer sie aktive Weltentdecker fördern: Günther Belzig, ursprünglich Industriedesigner, plant nun weltweit Spielplätze. Als stiller Beobachter hat er sich auf die Spuren von Kindern begeben: Wie Kinder spielen und was sie dabei brauchen, hat er in vielen Projekten von Korea bis Oberbayern umgesetzt. Das wir nicht nur bespielbarere Spielplätze, sondern eine kindgerechtere Gesellschaft benötigen, ist sein Plädoyer.

Yvonne Hupka, die mit ihrem Team seit fast 20 Jahren spielzeugfreie Zeiten im Kindergarten Heinrichsheim durchführt, beobachtet immer wieder, wie kreativ die Kleinen nach einigen Tagen ohne Spielsachen ihr freies Spielen verändern. Unterstützt von der Suchtpräventionsfachkraft Wolfgang Kaiser vom Gesundheitsamt bot sie ihr Wissen im Workshop an.

Antje Fries und Daniel Gegenfurter kamen direkt aus dem Waldkindergarten und gaben Einblicke in ihre Arbeit da draußen. Wie die Teilnehmer den Waldgedanken in Teilen umsetzen konnten, erarbeiteten sie mit Interessierten in kleineren Gruppen.

Letztendlich bewerteten die Veranstalter den Tag als vollen Erfolg. „Wir werden weitere Fachtage anbieten“, ist sich Johanna Ehm vom Gesundheitsamt sicher, „weil wir merken, dass es funktioniert. Die regionalen Fachkräfte nehmen die Anregungen und neuen Impulse dankbar an.“ „Und wer weiß?“, schmunzelt Marion Seibold vom Kreisjugendamt: „Vielleicht tragen sie die ein andere Idee auch mit in ihre Einrichtungen, denn Veränderung passiert im Kleinen.“

 

 

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