10.06.2013

"Werdenfelser Weg" - Pflege ohne Gurt und Gitter

Werdenfelser Weg - Pflege ohne Gurt und Gitter

Mit iher Unterschrift besiegelt Amtsgerichtsdirektorin Dr. Dorothea Deneke-Stoll die Einführung des Werdenfelser Weges im Landkreis. Landrat Roland Weigert, Betreuungsrichter Georg Berger und Christian Kutz vom Sachgebiet Senioren und Betreuung (stehend von rechts) begrüßen die Kooperation, die Pflege ohne Gurt und Gitter ermöglicht.

Zum Schutz vor Stürzen werden insbesondere in Pflegeheimen Bewohner durch Bettgitter, Bauchgurt oder andere sogenannte freiheitsentziehende Maßnahmen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Um Fixierungen, die ein Betreuungsgericht genehmigt, auf ein Mindestmaß zu reduzieren und Betroffene würdevoller zu betreuen, verfolgen die zuständigen Behörden im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen einen neuen Ansatz. Der „Werdenfelser Weg“ wird in enger Kooperation zwischen der Betreuungsstelle des Landkreises und dem Amtsgericht Neuburg umgesetzt.

 

Der Ansatz beruht auf einem Modellversuch in Garmisch-Partenkirchen. Dort konnte durch die Kooperation von Behörden, Amtsgericht und Pflegeeinrichtungen eine Vielzahl von Fixierungen vermieden werden. Der „Werdenfelser Weg“ sieht vor, dass speziell geschulte Verfahrenspfleger eingeschaltet werden, sobald eine freiheitsentziehende Maßnahme im Raum steht. Im Gespräch mit der Pflegeeinrichtung und den Pflegekräften lotet der Verfahrenspfleger Möglichkeiten aus, wie Gurte oder Bettgitter zu umgehen sind. Etwa durch den Einsatz von Protektoren oder niedrigerer Betten. „Wichtig ist in diesem Zusammenhang die bewusste Abwägung zwischen der individuellen Freiheit des alten Menschen und der mehr oder weniger konkreten Gefahr des Sturzes“, erläutert Christian Kutz von der zuständigen Betreuungsbehörde des Landkreises. Ängste müssen sowohl bei den Pflegekräften als auch bei den Angehörigen abgebaut werden. Wissenschaftliche Studien unterstützen die Herangehensweise. Ergebnisse zeigen, dass Fixierungen die Sturzgefahr in der Regel nicht verringern, sondern sogar zu einer Verschlechterung der Gesamtsituation des pflegebedürftigen Menschen führen können.

 

Garmisch-Partenkirchen als Vorbild

Um sich aus erster Hand über den „Werdenfelser Weg“ zu informieren, stattete eine Delegation aus Neuburg-Schrobenhausen den Behörden in Garmisch-Partenkirchen einen Besuch ab. Angespornt vom dortigen Erfolg des Projektes begannen die beiden Fachbehörden Betreuungsstelle und Fachstelle Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht – Heimaufsicht (FQA) in enger Abstimmung mit dem Betreuungsgericht, die Einführung vorzubereiten. Alle Pflegeeinrichtungen im Landkreis wurden ausführlich über das Verfahren informiert und unterzeichneten eine Kooperationserklärung. Darin erklären sie sich bereit, im Bedarfsfall die erforderlichen Hilfsmittel wie Niedrigflurbetten, Protektoren oder Schutzmatten anzuschaffen, um den Bewohnern ein möglichst großes Maß an individueller Bewegungsfreiheit zu erhalten. Zwei Berufsbetreuerinnen aus dem Landkreis ließen sich speziell für die Tätigkeit als Verfahrenspfleger nach dem „Werdenfelser Weg“ fortbilden und auch Mitarbeiter der Pflegeeinrichtungen des Landkreises wurden mit Unterstützung einer Pflegedienstleitung aus Garmisch-Partenkirchen in der praktischen Umsetzung des Modells geschult.

 

Landkreis und Amtsgericht schließen Kooperationsvereinbarung

Eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Amtsgericht Neuburg und dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen besiegelt die Einführung des „Werdenfelser Weges“ offiziell. „Wir haben nun eine Methode an der Hand, die sich bereits andernorts in der Praxis bewährt hat und die weniger in die Freiheit der Betroffenen eingreift“, betont Amtsgerichtsdirektorin Dr. Dorothea Deneke-Stoll. Landrat Roland Weigert freut sich nicht nur über den „guten Kooperationsgeist im Landkreis“. Er sieht auch das „Mehr an Lebensqualität“, das den Betroffenen zu Gute kommt. Der Vertrag besagt, dass - unter Beibehaltung der richterlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall - bei der Genehmigung freiheitsentziehender Maßnahmen ein geschulter Verfahrenspfleger hinzugezogen wird. Dieser prüft alle denkbaren Alternativen, klärt in Abstimmung mit den Pflegeeinrichtungen deren mögliche Umsetzung und gibt gegenüber dem Gericht eine Empfehlung ab. Die Abwägungen können auch ergeben, dass ein Restrisiko für Stürze zugunsten der Mobilität in Kauf zu nehmen ist. So wird es in vielen Fällen möglich sein, auf Freiheitsentziehung zu verzichten und die gerichtlichen Verfahren, von denen es im Landkreis rund 250 pro Jahr gibt, wieder einzustellen. Davon profitieren dann nicht nur die pflegebedürftigen Menschen selbst, sondern auch deren Angehörige und die Pflegekräfte.

 

 

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