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Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen  |  E-Mail: poststelle@lra-nd-sob.de  |  Online: http://www.neuburg-schrobenhausen.de

Das Gesundheitsamt im Nationalsozialismus

Das Gesundheitsamt interessiert sich für seine Vergangenheit
Unterlagen der Erbkartei
Dokumente des Neuburger Gesundheitsamtes aus der Nazizeit

Das Gesundheitsamt im Nationalsozialismus

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) entstand in der Zeit des Nationalsozialismus primär als Selektionsapparat im Rahmen einer menschenverachtenden Biopolitik, die die Tradition sozialmedizinischer Prinzipien und einer am Wohl des Einzelnen, insbesondere benachteiligter Bevölkerungsgruppen, orientierten Gesundheitsfürsorge und -vorsorge nachhaltig vernichtete. In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bundesrepublik war es offenbar den damals tonangebenden Amtsärzten im ÖGD nicht möglich, über diese Tatsache öffentlich zu reflektieren. Das Vereinheitlichungsgesetz von 1934 mit seinen drei Durchführungsverordnungen wirkte auch ohne die nach dem Kriegsende entfernte nationalsozialistische „Erb- und Rassenpflege“ nicht nur als Organisationsrahmen, sondern auch inhaltlich prägend auf Strukturen und Aufgabenfelder des ÖGD der Bundesrepublik Deutschland bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.

Amtsarzt Dr. Johannes Donhauser fand vor Jahren im Keller des Gesundheitsamtes im Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen alte Patientenunterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Amtsärztliche, sog. „erbbiologische“ Gutachten, und daraus resultierende Anträge des damaligen Amtsarztes auf „Unfruchtbarmachung" der meist als „schwachsinnig" bezeichneten Menschen beim „Erbgesundheitsgericht" in Eichstätt regten Donhauser zu einer Dokumentation an, die in den Jahren 2004 bis 2006 entstand und 2007 als 130 Seiten starkes Sonderheft der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen" im Georg-Thieme-Verlag erschien.
Die Studie beleuchtet die Selektionstätigkeit von Amtsärzten im „Dritten Reich", vor allem anhand von Archivmaterial aus den ehemaligen Gesundheitsämtern Neuburg, Schrobenhausen, Eichstätt, Pfaffenhofen, Augsburg, Kaufbeuren, Wertingen und Donauwörth.
Staatliche Gesundheitsämter in Deutschland gehen auf die Gründung zum 01. April 1935 durch das nationalsozialistische „Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesen" vom 01. Juli 1934 zurück. Erst im August 2006 wurde dieses Gesetz vom Deutschen Bundestag als Bundesrecht aufgehoben, in Hessen war es bis September 2007 noch als Landesrecht gültig, in Österreich gilt es nach wie vor.

Donhausers Studie stellt die bisher einzige aus den Reihen des öffentlichen Gesundheitsdienstes heraus verfasste Monographie zum Thema dar.

Sie macht deutlich, dass die in der NS-Zeit neu gegründeten Gesundheitsämter bis 1945 gleichsam den bürokratischen Motor in der Umsetzung der nationalsozialistischen „Erb- und Rassenpflege" darstellten. Die Ämter waren Ermittlungs- und Vollzugsbehörde im Vollzug des Zwangssterilisierungsgesetzes vom 14. Juli 1933. Die Amtsärzte selektierten die damalige Bevölkerung nach „wertvoll" und „wertlos" bzw. „gefährlich“ für den „Volkskörper" - und waren noch bei der bürokratischen Zuarbeit zum Massenmord an chronisch kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen beteiligt, wie der Schriftverkehr zwischen damaligem Reichsinnenministerium und den Staatl. Gesundheitsämtern aus dem ehemaligen Gesundheitsamt Schrobenhausen belegt. Denn ohne Einweisung eines Kindes in eine "Kinderfachabteilung", wie sich die Mordstationen im Nazijargon nannten, gelangte in der Regel kein Kind in die Tötungseinrichtungen. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten äußerten sich führende Ärzte des ÖGD nahezu ausnahmslos apologetisch und behaupteten, die Einrichtung staatlicher Gesundheitsämter sei allein eine Maßnahme zur Verwaltungsvereinfachung gewesen und die Gesundheitsämter seien nie in die verbrecherischen Maßnahmen des NS-Regimes mit einbezogen worden.

Neuere Studien legen indes offen, dass sich die nationalsozialistischen Amtsärzte über die im Vereinheitlichungsgesetz normierten Dienstaufgaben hinaus auch im Rahmen der Menschen verachtenden „Volkstumspolitik" in den besetzten Gebieten Osteuropas engagierten. Neu errichtete Gesundheitsämter im „Warthegau" (Westpolen) und im „Generalgouvernement" waren ein Exerzierfeld für Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, wo sie bar jeglicher normativen Grenzziehung ihre Programme zur Menschenvernichtung unter dem Deckmantel seuchenpolizeilicher Maßnahmen umsetzen konnten.

Mittlerweile hat der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des ÖGD gegründet, als deren Sprecher Donhauser fungiert. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, im Jahr 2014 ein medizinhistorisches Projekt auf den Weg zu bringen, das die Rolle des ÖGD im Nationalsozialismus, zumindest etwas weiter als bisher geschehen, erhellen soll. Eine Einrichtung mit entsprechender Expertise soll deshalb mit dieser Aufgabe betraut werden. Dem engen Finanzrahmen geschuldet sind folgende Einschränkungen:

Zum einen erfolgt geographisch eine Begrenzung auf zwei ehemalige Länder des Deutschen Reiches und zum anderen zeitlich auf die 12 Jahre zwischen 1933 und 1945.

Zumindest mittelfristig wird keine Gesamtdarstellung der Rolle des ÖGD im Nationalsozialismus mit seinen inhaltlichen Wurzeln und seiner Fernwirkungen auf das Gesundheitswesen der Bundesrepublik erarbeitet werden können, da die Quellenlage zum jetzigen Zeitpunkt zu disparat ist.

Es ist geplant, die beiden damaligen Länder Thüringen und Württemberg einer entsprechenden medizinhistorischen Erkundung zu unterziehen. In diesen beiden Regionen soll das Wirken der einzelnen administrativen Strukturen in der damaligen Gesundheitsverwaltung herausgearbeitet werden. Das Augenmerk gilt dabei insbesondere der konkreten Umsetzung der nationalsozialistischen „Erb- und Rassenpflege“ in der unteren Verwaltungsebene, den neu gegründeten Gesundheitsämtern unter staatlicher Kontrolle.

Finanziert wird die Studie durch Fördermittel des Bundesministeriums für Gesundheit und der Länder Baden-Württemberg und Thüringen.

Gleichsam als Auftakt zum skizzierten Projekt organisierte die Arbeitsgruppe eine Vorkonferenz zum 63. Wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD am 24. April 2013 in Berlin. Dieses Symposium war dem eigentlichen Bundeskongress vorgeschaltet und zeitigte neben hohem Besucherinteresse auch eine positive Resonanz im Deutschen Ärzteblatt.

Die beiden dort gehaltenen Vorträge von Johannes Vossen und Johannes Donhauser sowie der dazu einführende Artikel aus der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ stehen hier als download zur Verfügung:

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